Kambodscha #3 – Phnom Penh

Die Fahrt nach Phnom Penh war etwas abenteuerlich. Wir wussten nicht so recht, ob einzig die Klimaanlage das Problem war, auf jeden Fall fiel diese ständig aus, der Fahrer hielt immer mal wieder, reparierte etwas vor sich hin, kaufte hier und da Ersatzteile. Einmal bat er uns sogar alle aus dem Minibus und fuhr dann kommentarlos mit einem Einheimischen auf dem Mofa davon. Über eine Stunde später kam er wieder und pruckelte erneut etwas herum bevor die Fahrt endlich weitergehen konnte. Als wir schließlich ankamen war es schon ziemlich spät, außer essen und schlafen passierte also nichts mehr. Am nächsten Morgen fuhren zu den Killing Fields Choeung Ek, ein Vernichtungslager aus der Zeit, in der die Herrschaft der Roten Khmer das Land tyrannisierte. Ein überraschend gut gemachter Audioguide führte uns durch das Lager. Es wurde etwas über die Geschichte und die Entwicklung des Lagers erzählt. Nicht weit entfernt gab es ein Gefängnis, Tuol Sleng. Die meisten Gefangenen (politische Gegner, Intellektuelle usw.) wurden von dort hergebracht, um umgebracht zu werden. Der Audioguide erzählte, mit der Zeit wurden täglich bis zu 300 Menschen gebracht und die Roten Khmer hatten Probleme diese alle an einem Tag umzubringen, weshalb sie teilweise über Nacht in Baracken gepfercht worden sind, um die Todesschreie ihrer Mitgefangenen, übertönt von Propaganda aus Lautsprechern, zu hören und auf ihre eigene Hinrichtung zu warten. Es mag makaber wirken, aber ich fragte mich, warum es ein Problem darstellte, 300 Menschen täglich umzubringen, wenn doch ein einziger Henker, selbst wenn er sich pro Opfer eine Minute Zeit zum Erschießen nehmen sollte, in 5 Stunden sein grausames Werk verrichtet hätte. Der Audioguide hatte die Antwort bald parat: Kugeln waren zu kostbar, die Opfer wurden totgeschlagen. Mit allem, was greifbar war. Äxte, Metallstangen, Spaten, Bambusstöcke. Selbst trockene, gezackte Palmenblattstiele sind verwendet worden, um den Opfern die Kehle durchzuschneiden. Nicht selten noch lebend, wurden die Opfer in die Gruben gestoßen, mit Chemikalien gegen den Verwesungsgestank überschüttet, die für viele erst den eigentlichen Tod brachte. Die Gruben der Massengräber waren noch gut zu erkennen, Schilder wiesen darauf hin, wie viele Leichen hier gefunden worden waren, manchmal auch deren Besonderheiten. So ist zum Beispiel ein Grab ausgehoben worden, in denen sich ausschließlich Leichen ohne Kopf befunden hatten, 166 an der Zahl. Die Grausamkeiten, die sich hier abgespielt hatten, sind kaum vorstellbar. Hunderttausende fanden in solchen Lagern ihren Tod, insgesamt starben landesweit manchen Schätzungen zufolge bis zu 3 Millionen Menschen während der Herrschaft der Roten Khmer. Und das bei einer damaligen Bevölkerungszahl von 8 Millionen! Das Ausmaß dieses Genozids ist mit dem Holocaust vergleichbar, ebenso erinnern die Vernichtungslager daran. Um so erschreckender und bedrückender war für uns, warum dieses schreckliche Kapitel der neueren Geschichte in den deutschen Schulbüchern quasi keine Erwähnung findet. Die beklemmenden Gefühle und Fassungslosigkeit, die uns während des Besuchs der Killing Fields überfluteten, sind kaum zu beschreiben. Zeit- und Augenzeugenberichte machten den Audioguide noch lebendiger. Mitten im Lager stand ein Baum, an dem Säuglinge, die Beine in den Händen ihrer Peiniger, mit dem Kopf gegen den Stamm geschmettert worden sind. Die Befreier des Lagers berichteten davon, dass Blut, Hirn, Haare und Knochensplitter am Baumstamm klebten. Um Racheakten zu entgehen, wurden ganze Familien ausgerottet, bloß weil der Vater Lehrer war oder eine Fremdsprache beherrschte und damit zu den Intellektuellen gehörte. Will man das Unkraut loswerden, muss man es mit der Wurzel ausreißen, so die Parole. Pol Pot, Kopf der Roten Khmer, war übrigens selbst Lehrer.

"Killing Tree", an dessen Stamm Säuglinge totgeschlagen worden sind

“Killing Tree”, an dessen Stamm Säuglinge totgeschlagen worden sind

Gedenkstupa auf dem Gelände von Choeung Ek

Gedenkstupa auf dem Gelände von Choeung Ek

Gedenkstupa, Innenansicht

Gedenkstupa, Innenansicht


Im Lager stand ein Mahnmal. Ein Turm bzw. ein Gedenkstupa, in dem sich eine gläserne Vitrine über mehrere Stockwerke bis unters Dach zog, gefüllt mit den Knochen, die in diesem Lager gefunden worden sind. Die ersten Etagen waren mit Schädeln gefüllt, über 5000 Stück sortiert nach den Schädelverletzungen und dem mutmaßlichen Tötungswerkzeug.
Nachdem wir uns alles angesehen hatte, fuhren wir zurück zum Hotel. Es war Ostern, in Kambodscha juckt das niemanden, doch deshalb war mein vor ein paar Tagen aufgegebener Geldtransfer auf mein Kreditkartenkonto noch nicht bearbeitet worden. Ich war fast blank, Ankis Kreditkarte funktionierte nicht. Glücklicherweise konnte eine ihrer Freundinnen spontan Geld senden, Western Union sei Dank! Ich war also innerhalb weniger Minuten wieder flüssig. Wir aßen zu Mittag und dann musste Anki auch schon los zum Flughafen. Wir verabschiedeten uns und dann war ich zum ersten Mal seit der vergangenen acht Monate wirklich allein.
Was anfangen? Ich spazierte noch etwas ziellos durch die Stadt, sprang nackt durchs Hotelzimmer, einfach weil ich’s konnte und legte mich dann Schlafen. Am nächsten Morgen brach ich früh mit einem Bus nach Laos auf.
Typisches Straßenbild in Phnom Penh

Typisches Straßenbild in Phnom Penh

Anki macht sich im Tuk Tuk auf zum Flughafen

Anki macht sich im Tuk Tuk auf zum Flughafen

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